Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse

7. Deutschsprachige Internationale Psychoanalytische Tagung (DIPSAT)

7. Deutschsprachige Internationale Psychoanalytische Tagung in Wien, 13.-16. Oktober 2016

Phantasien der Gegenwart

Welche unbewussten Phantasien bewegen heutige Gesellschaften? Das Unbewusste bewahrt alte Erbschaften. Freud glaubte in den sogenannten Urphantasien traumatische Ereignisse der Menschheitsgeschichte wiederzuerkennen. Aber gibt es im Unbewussten auch ein update durch neuere Ereignisse? Es ist schwer, auch nur in groben Strichen die mächtigsten äußeren Entwicklungen nachzuzeichnen, die möglicherweise Zuflüsse in unser zeitgenössisches Unbewusstes bilden:

Es gibt große Angstquellen: Terror und Flüchtlingsbewegungen, drohende Krisen im weltweiten Finanzsystem, eskalierende Naturzerstörung, Infragestellung des europäischen Einigungsprozesses und Erstarken anti-demokratischer Kräfte.

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Peter Sandbichler - "Alte Schachtel" Aber nehmen wir auch noch die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte wahr? Befreiung von zahlreichen Diktaturen, soziale Sicherheit und relativer Wohlstand für breite Schichten, politische und sexuelle Liberalisierung, enorme Ausweitung von Bewegungsfreiheit und Bildungsmöglichkeiten, Fortschritte in der Emanzipation von Frauen und sexuellen Minderheiten.

Und dann sind da die technologischen Innovationen, die unser Leben immer radikaler verändern: Sekundenschneller Zugang zu fast allen Informationen, das Internet-der-Dinge, das einmal mehr die Arbeitswelt verändern wird, in der schon heute viele Millionen Online-Arbeitsplätze global vernetzt sind, interaktive Computerspiele in unendlich individuell formbaren Cyberwelten, und nicht zuletzt die wachsenden Angebote einer virtuellen Sexualität in immer täuschenderer Echtheit und Variabilität.

Welche Auswirkungen hat all das auf die phantasmatischen Prozesse in unserem Unbewussten? Natürlich werden unbewusste Phantasien v.a. in den sensiblen Phasen der Kindheit geformt. Aber der Anteil der Generationen, die von Beginn an in der Internet-Welt aufgewachsen sind, nimmt stetig zu. 1996 wurde zum ersten Mal von „digital natives“ gesprochen. Mittlerweile sieht man kaum 2-jährige Kinder im Kinderwagen in ihren Gameboy starren, der begleitende Vater löst ein Online-Quiz am Handy.

Hier sind offenbar die veränderten Bedingungen zeitgenössischer Kindheiten mit zu bedenken: In Summe scheinen die Präsenz und die Stabilität von primären Beziehungen auf neue Weise infrage gestellt zu werden, auch wenn diesen Tendenzen neue partnerschaftliche Freiheiten und Möglichkeiten sogenannter assistierter Reproduktion gegenüber stehen.

Psychoanalytikerinnen haben Einblick in die Phantasiewelten ihrer Patienten und diese sind immer auch gebrochene Spiegel sozialer und wirtschaftlicher Prozesse. Alte Krankheitsbilder nehmen neue Formen an und Modediagnosen wie Burnout und ADHS füllen die populäre Presse. Was aber sind die unbewussten Grundlagen solcher „geschwindigkeitsinduzierter“ Psychopathologien? Reflektieren sie einen Mangel an Phantasie bzw. an symbolisch-imaginärer Kompetenz? Haben Sie mit einer Schwierigkeit zu tun, den scheinbaren Konkretismus der digitalen Virtualität zu durchschauen und zu überwinden? Und wurzelt diese Schwierigkeit in den virtuellen Medien selbst oder doch eher im zwischenmenschlichen Beziehungsnetz, in dem diese zur Anwendung kommen?

Die psychoanalytische Praxis bekommt es mit all diesen modernen Pathologien zu tun. Sie fordern uns heraus, nicht zuletzt weil auch der zeitgenössische Psychoanalytiker mit Zeitdruck und Beschleunigung des Lebens konfrontiert ist. Man hat den Eindruck, dass die heutige Psychoanalytikerin anders in ihrem Sessel sitzt als der Analytiker der Nachkriegszeit.

Der Psychoanalytiker fühlt sich heute mehr als anachronistischer Querdenker und Querpraktiker als vor 25 Jahren. Und für viele Psychoanalytiker ist es heute schwieriger, Patientinnen zu hochfrequenten Analysen zu motivieren. Dabei spielt nicht nur der materielle Druck eine Rolle, der es Patienten erschwert, viermal pro Woche zur Analyse zu kommen. Es gibt auch innere Widerstände, die im Zunehmen begriffen zu sein scheinen, Phantasien von Ausgeliefertsein und Fremdbestimmung. Menschen, die keine sichere Stabilität in den primären Bindungsbeziehungen erwerben konnten, finden es meist unerträglich, sich in die Abhängigkeit einer hochfrequenten analytischen Beziehung zu begeben.


Abstracts der Hauptvorträge.pdf


Bild oben: Peter Sandbichler - Alte Schachtel. Galerie: http://www.galeriethoman.com/ Private Homepage: http://www.petersandbichler.com/

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